„Die rauchfreie Carmen“ oder „wenn das Rauchverbot an der Wiener Staatsoper die Zigarettenarbeiterinnen (Cigarières) erreicht“

An der Wiener Staatsoper ist Carmen in vier Vorstellungen in Februar und März 2009 angesetzt. Diese sind die 134. bis 137. Aufführungen in dieser Inszenierung. Diese Inszenierung stammt vom Ende der 1970 er Jahre, Premiere dieser Inszenierung war am 9. Dezember 1978. Woran der Regisseur dieser sehr schönen, schlüssigen und opulenten Inszenierung, der Regiealtmeister Franco Zefirelli nicht gedacht hat, sich das wahrscheinlich nie hatte vorstellen können, ist das neue Tabakgesetz.

Dieses neue Tabakgesetz verbietet das Rauchen in allen öffentlichen Einrichtungen und Institutionen. Und die Wiener Staatsoper ist eben eine solche, sehr ehrwürdige Institution im Bundestheaterverband.

Der geniale Novellist Prosper Mérimée siedelt die Handlung des ersten Aktes seines Meisterwerkes ausgerechnet im Milieu einer Zigarettenfabrik an. Georg Bizet liefert dazu eine schlüssige und spannende Musik sondergleichen.
Georg Bizet gehört zu den Realisten der Musik. Carmen wird zum Bahnbrecher der veristischen Oper, der wahren, wirklichkeitsnahen, wie der Name sagt. Und wie wirklichkeitsnah ist eine Zigarettenfabrik, in der keine Zigaretten mehr produziert und geraucht werden dürfen?
Carmen wurde am 3. März 1875 in der Opéra Comique uraufgeführt. Der Schauplatz der Handlung ist in und um Sevilla, Andalusien zwischen 1820 und 1830.
Die Personen der Handlung sind
Carmen, Zigarettenarbeiterin, Schmugglerin,
Don José, zuerst Soldat, später Schmuggler,
Escamillo, Stierkämpfer,
Dancairo, Anführer einer Schmugglerbande,
Remendado, Schmuggler,
Zuniga, Offizier der Dragoner,
Morales, Sergeant der Dragoner,
Frasquita, Schmugglerin,
Mercedes, Schmugglerin,
Micaela, Bauernmädchen aus dem Heimatdorf Josés,
Lillas Pastia, Schenkenwirt,
Soldaten, Tavernenbesucher, Schmuggler, Zigarettenarbeiterinnen, junge Männer.
 

Alle lauter brave Nichtraucher? – Mitnichten!

Die Szene Nr. 4 des ersten Aktes trägt den Titel „Chor der Zigarettenarbeiterinnen“, und hat den folgenden Inhalt:
Junge Männer: „Eilen wir herbei mit der Glocke Tönen, wir haben jetzt die Gelegenheit auf die Mädchen zu lauern, gehen wir ihnen nach, den braunen Zigarettenarbeiterinnen, flüstern wir ihnen unsere Liebesabsichten zu“.
Die Soldaten und die jungen Männer schauen den Zigarettenarbeiterinnen entgegen, die - eine Zigarette im Mund - erscheinen.
Soldaten: „Seht sie da, wie keck ohne Scheu, diese Koketten, rauchend, die Zigaretten zwischen den Lippen“.
Die Zigarettenarbeiterinnen: „Sehet, wie Raucheswolken ziehen in die Lüfte kräuselnd dahin und verbreiten den parfümierten Duft. Sanft betäubet, schlürft den Rauch mit den Lippen, und wie im Hauch lasst uns süße Wonne nippen. Die süßen Worte der Liebhaber sind nur Rauch, seine Aufwallung, sein Schwur auch nur Rauch. Ein treues Herz in der Brust, nur Rauch. Oh süßer Schmerz, oh Liebeslust, das ist ein Hauch, so leicht wie Rauch. Sehet wie die Rauchwolken ziehen dahin durch die Lüfte. Ach, sie verbreiten die lieblichen Düfte uns ziehen sanft kräuselnd dahin. Duftiger Rauch, leicht wie Hauch!“
Und die Musik dazu? Am Anfang eine sehnsüchtige sinnlich weiche, zärtliche und doch gespannte Melodie. Dann setzt, in einer stets duftig und leicht dahinschwebenden Melodie der Chor der Zigarettenarbeiterinnen ein.

Und die Originalinszenierung? Die Statisten rauchen lieblich stehend, gehend durchmischt im Chor der jungen Männer und der Zigarettenarbeiterinnen - eine wunderschöne optische Komposition.

Und die Aussage des Textes des Chors der Zigarettenarbeiterinnen? Das ist kein Ohrenzeitvertreib, wie möglicherweise Thomas Bernhard formulieren würde, sondern der Text des Chors hat eine enorme dramatische Vorbereitung auf die nächste Szene, in der Carmen mit der Blume im Mund und mit dem Blumenbouquet an ihrem Mieder auftritt. Betörend duftiger Rauch und doch nur so leicht wie Hauch! Weil das Schöne, das Liebliche doch nur der Anfang des schrecklichen Endes ist, wie wir es bereits jetzt ahnen.

Eine ganz starke Szene ist auch, wenn José im Hintergrund stehend gerade eine Zigarette anzünden will, er schaut mit dem brennenden Zündholz zwischen den Fingern Carmen an und vergisst darauf und verbrennt sich gleich dabei die Finger und wirft das Zündholz weg. Diese Szene ist doch stark, oder? Mit meinem Sohn haben wir oft Carmen gesehen (war seine erste Oper mit 6 Jahren) und bei dieser Szene hat er sich immer sehr amüsiert.

Und das alles ohne Rauch und Hauch?
Wirklich Schade. Schade, dass bei dem Gesetzgeber über das vollständige Verbot des Tabaks kein Opernliebhaber dabei gesessen ist. Wenn wenigstens nur ein Opernliebhaber bei den Gesetzesformulierern dabei gewesen wäre, dann hätte er bestimmt eine Ausnahmegenehmigung für die Staatsoperncarmen durchgeboxt.

Janos Vas




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