Zu jener Zeit war der Kaiser in heftige Kriege mit den Türken verstrickt, und diese fielen - sehr zum Leiden der Bevölkerung - mehrere Male in Kärnten ein. Zwar wurden bei den gefürchteten Raubzügen, die 1473, 1476, 1478, 1480 und 1483 stattfanden, keine Örtlichkeiten gänzlich vernichtet, aber große Gebiete im Südosten des Landes verheerend getroffen.
Zur Zeit der Türkeneinfälle lebte zu St. Martin am Techelsberg nahe Pörtschach der Pfarrer und Geschichtsschreiber Jakob Unrest, welcher als Zeitgenosse über die Verwüstungen der Osmanen berichtete. Zum Jahre 1476 bemerkte er, dass die Türken in Mittelkärnten so arg gehaust hätten, dass „zwischen den Werdtsee und Volkhenmarckt wenig Hewser pelyben...“ Den durch Mauern und Anlagen geschützten Städte und Burgen konnten die Türken nicht beikommen, jedoch vernichteten sie durch Raub, Mord und Brandschatzung das offene Land und die nahezu ungeschützt daliegenden Orte. Mit den gefürchteten Brandpfeilen ließen die wilden Horden Häuser und Kirchen in Flammen aufgehen. Um die großen Menschenverluste zu kennzeichnen, schrieb Unrest zum Jahre 1480: Die Türken führten 500 gefangene Priester fort. Dazu machte er die Bemerkung, es könne sich jeder denken, wenn so viele Priester fortgeschleppt wurden ,wie viele andere Christenmenschen, Männer und Weiber, jung und alt, und sogar Kinder, gefangen wurden oder zugrunde gingen.
Das Ossiacher Klostergebäude, das damals wie etliche Kirchen des Landes zur Türkenabwehr von hohen Mauern mit Türmen und Schießscharten umgeben war, dürfte durch die „Renner und Brenner“ keinen Schaden erlitten haben. In diesen finsteren Zeiten ist eine Legende angesiedelt, die sich um Ossiach und das Schicksal seiner Mönche rankt.
Die Türken sollen auf ihrem zweiten Raubzug durch Kärnten 1476 über die Ossiacher Tauern auch ins gleichnamige Seetal eingedrungen sein, doch hatte man den Abt rechtzeitig gewarnt, und deshalb hatte er seine Mönche aus dem Kloster wegbringen können. Sie nahmen - so die Erzählung - ihren heimlichen Weg in den dichten Wald, der sich damals vom Südüfer des Sees gegen Landskron hin entlangzog. Abt Leonhard, ein mutiger Mann, verblieb indes im Kloster, wo er - angetan mit seinem Ornat und das Allerheiligste verwahrend - die Türken erwartete. Als die feindlichen Horden gegen Mitternacht beim Stift ankamen und die große Treppe hinaufstürmten, soll sie der Anblick des Ehrfurcht gebietenden Prälaten in die Flucht geschlagen haben.
Am nächsten Tag jedoch verbreitete sich die schreckliche Kunde, dass die Türken auf ihrem Ritt am Südufer des Sees entlang gegen Villach im dichten Wald das Lager der geflohenen Mönche entdeckt und die Schlafenden ohne Ausnahme getötet hätten. Von tiefem Schmerz erfüllt, ließ Abt Leonhard an jener Stelle eine kleine Kirche erbauen. Dem Land ringsum aber gab er den vielsagenden Namen „Heiliges Gestade“.
Gleichwohl man in Historikerkreisen über den Wahrheitsgehalt dieser blutrünstigen Legende uneinig ist, so ist doch an der Existenz des Kirchleins zu Heiligengestade nicht zu rütteln.
Die Kirche Sancta Maria Virginae galt bereits im 15. Jahrhundert durch eine hinter dem Hochaltar entspringende Heilquelle als beliebtes Wallfahrtsziel.
Insbesondere Augenkranke suchten hier eine Linderung ihres Leidens.
Die Kirche, die auf Moorboden stand, musste im Lauf der Zeit von den Ossiacher Äbten immer wieder erneuert werden. Nach der Aufhebung des Klosters (5. Dezember 1782) schließlich war auch ihr Schicksal besiegelt: 1881 erfolgte die Schließung des Gotteshauses wegen Einsturzgefahr, und zehn Jahre später blieb nur noch die Sprengung des Gebäudes als Endlösung.
Der wertvolle, spätgotische Flügelaltar von Heiligengestade, den Abt Wolfgang Gaispacher im 2. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts errichten ließ und der zu den wichtigsten Denkmälern seiner Art zählt, wurde damals in die Deutschordenskirche zu Friesach übertragen , wo er heute noch - nach gründlichen Restaurierungsarbeiten - bewundert werden kann.
Von der einstigen Marienwallfahrtskirche ist somit leider nur die Erinnerung geblieben. Eine Gedenktafel sowie eine dem heiligen Christophorus geweihte barocke Wegrandkapelle, neben der auch noch einige Bruckstücke des Gotteshauses liegen, sind die einzigen Zeugen der Vergangenheit. Das beliebte Gasthaus gegenüber, das früher als Mesnerei und Pilgerherberge eine wichtige Aufgabe besorgte, trägt immer noch die Bezeichnung „Beim Messner“.(Gasthof Messner, Frau Hildegard Lauritsch, Süduferstraße 333, 9570 Heiligengestade, Tel. 04242/41286 oder 0676 3221494)
Beitrag einer Leserin
Quelle: "Der Ossiacher See zwischen gestern und heute" von Ilse Speilvogel-Bodo 1993
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