So schützen Sie sich vor Abzockern

Die Tür fällt zu, und der Schlüssel steckt - von innen. Wer dann an den falschen "Notdienst" gerät, wird oft abkassiert. Doch wie erkennt man die schwarzen Schafe unter den Schlüsseldiensten?
 

577 statt 200 Euro - ein Fallbeispiel
Es war kein guter Tag für Annemarie P. aus Fulda. Die 82-Jährige war einkaufen gegangen und hatte den Wohnungsschlüssel von innen stecken lassen. Drin in der Wohnung der schwerhörige Gatte, der Annemaries Klingeln und Trommeln von draußen an der Wohnungstür nicht hörte, zumal er vor dem Fernseher saß. Schließlich machte sich Frau Putzger um ihren Mann doch erhebliche Sorgen …

Nachbarn halfen und wählten die 112, binnen Minuten rückten fünf Mann von der Fuldaer Feuerwehr an und öffneten die Wohnungstür mit Spezialgerät. Dem Gatten gings gut, die Welt war für Annemarie Putzger wieder in Ordnung, doch nicht für lange. Denn die ohnehin ältere Wohnungstür ließ sich jetzt schlecht schließen.

Ein Schlüsseldienst musste her. Rasch ein Blick ins Branchenbuch, und in der alphabetischen Reihenfolge ganz vorn präsentierte sich der Schlüsseldienst AAAAAAA Abacus in Fulda. Ja, entgegnete der Mann am Telefon, ein Monteur komme, es könne aber über eine Stunde dauern, bis er da sei. Ob denn die Putzgers auch Bargeld im Hause hätten?

Die Höhe der Rechnung konnte Annemarie Putzger erst gar nicht fassen: 577 Euro - für das Auswechseln eines Schlosses und eines Zylinders. Doch sie zahlte. Immerhin hatte der Mann, sechs Arbeitsstunden notiert. Kein Wunder: Er war aus Lollar angereist, das liegt 110 Kilometer von Fulda entfernt. Von Abacus Hofgeismar bekomme er seine Aufträge. Wieso der Anruf der Nachbarin bei Abacus Fulda schließlich zu Abacus Hofgeismar nach Nordhessen führte, dafür haben weder Annemarie Putzger noch Christa Sauer eine Erklärung. Offenbar repräsentiert der Name Abacus eine ganze Firmenkette.

Eine Überprüfung der Abacus-Reparaturleistung durch den ältesten Fuldaer Schlüsseldienst, die Firma Bernhardt, ergibt, dass örtliche Schlüsseldienste eine solche Reparatur für 120 bis 200 Euro inklusive Mehrwertsteuer durchgeführt hätten. Demzufolge lag Abacus mehr als 100 Prozent über den ortsüblichen Kosten. Annemarie Putzger will sich jetzt bei der IHK über Abacus beschweren und prüfen lassen, ob der Tatbestand des Wuchers erfüllt ist. Wäre dem so, hätte sie ein Anrecht darauf, gerichtlich eine Minderung des Preises durchzusetzen.

Polizei und Feuerwehr übrigens dürfen keine Schlüsseldienste empfehlen. Das hat damit zu tun, dass solche öffentlichen Institutionen sich sonst den Vorwurf einer möglichen Bestechlichkeit zuziehen würden.

Was die Verbraucherzentrale rät
Was sollte man beachten, wenn man einen Schlüsseldienst braucht? Wir haben mit Ute Klaus von der Verbraucherzentrale Hessen gesprochen:
Das allerbeste ist immer: Es gar nicht soweit kommen lassen. Schlüssel bei Nachbarn, Freunden oder/und Familie deponieren. Am besten an zwei verschiedenen Orten, falls einer mal nicht da ist. Falls der Notfall trotzdem eintritt und niemand greifbar ist, sollte man zunächst den Schlüsseldienst anrufen, bei dem man die Schlüssel hat machen lassen. Oder einen Nachbarn fragen, ob er Werkzeug im Haus hat. Vielleicht kann auch der Sohn vorbeikommen und die Tür öffnen. Denn oft sind die Türen nur ins Schloss gefallen, aber nicht abgeschlossen. Da kann auch unter Umständen auch mal ein Hobbyhandwerker helfen.

Niemals ohne Zeugen Aufträge erteilen
Wer einen Schlüsseldienst benötigt, befindet sich ja meist in einer besonderen Notsituation und hat nicht die Zeit, in Ruhe nach einem seriösen Handwerker zu suchen. Man sollte sich immer Zeugen dazuholen, die bei dem Gespräch dabei sind und einem Rückendeckung geben. Dafür können Sie z. B. beim Nachbarn klingeln und mit ihm zusammen telefonieren. Nicht die ersten Adressen im Branchenbuch mit den vielen "A" anrufen. Dann ausdrücklich nachfragen, ob der Schlüsseldienst am Ort sitzt und der Handwerker aus dem Ort kommt. Betonen, daß Sie nur die Fahrtkosten aus dem Ort akzeptieren. Auch können Sie ruhig nach Fahrtpauschalen fragen. Seriöse Handwerksbetriebe können einen solchen Kostenrahmen nennen. Ausweichende Antworten oder ein "können wir nicht sagen" sind immer ein schlechtes Zeichen. Auch die Auskunft "Ich weiß im Moment nicht, wo der Handwerker ist, wie lang die Anfahrt von da ist" gilt nicht. Es ist nicht das Problem des Anrufers, wo der Handwerker ist. Ausschlaggebend ist der Sitz des Handwerksbetriebs. In solchen Fällen lieber auflegen und einen anderen Dienst anrufen. Diesem sollten Sie das Problem genau schildern "Schlüssel innen oder nicht, abgeschlossen, etc" und nach Pauschalen für einfache Türöffnungen fragen.

Wie findet man einen ortsansässigen Handwerker?
Das ist oft schwieriger, als es zunächst klingt. Im örtlichen Branchenbuch kann man nicht sehen, woher der Handwerker tatsächlich kommt. Die Firmen geben Ortsadressen an, sitzen aber häufig ganz woanders. Die Anrufe werden umgeleitet und selbst wenn der Anrufer nachfragt, wird es nicht zugegeben. Ein weiterer Trick: Häufig geben die Firmen auch Namen mit vielen "A" an, damit sie ganz vorne im Branchenbuch erscheinen. Am besten sollte man sich für den Notfall den Namen eines ortsansässigen Betriebes mit Telefonnummer heraussuchen und im Geldbeutel, an der Kellertür o.ä. deponieren. Viele Häuser haben auch ein Schwarzes Brett, da kann man Nummern für den Notfall hin hängen.

Vorkasse immer verweigern
Auch hier gilt: Nachbarn dazuholen, damit Sie Zeugen haben. Einschüchterungen kommen immer wieder vor, z.B.: "Wir fangen gar nicht an, wenn Sie nicht sofort bezahlen". Trotzdem sollten Sie sich trauen, selbstbewusst die Vorkasse zu verweigern oder den Dienst wieder wegzuschicken. Rechtlich gesehen, ist das durchaus korrekt, da wir es hier mit einem Werkvertrag zu haben. Der Werklohn wird immer erst nach getaner Arbeit fällig. Solange der Schlüsseldienst noch nicht mit der Arbeit begonnen hat, können sie ihn auch wieder wegschicken, ohne etwas bezahlen zu müssen. Lassen Sie sich jede Position auf der Rechnung erklären - häufig sind die Preise völlig überhöht: z. B. doppelte Berechnung der Lohnkosten oder die Nacht- und Wochenendzuschläge sind zu hoch.

Da man das vor Ort aber nicht im Detail prüfen kann, sollte man maximal 50 Prozent der Rechnung zahlen und den Rest ggf. nach der Prüfung. Droht der Schlüsseldienst mit einer sog. Strafgebühr für nicht sofortige Zahlung - keine Sorge: die ist unzulässig. Auch die Drohung "Dann baue ich das Schloss wieder aus", sollte nicht ziehen. Zur Not soll der Dienst das ruhig tun!

Welche Zuschläge sind nachts oder am Wochenende zulässig?
Dann ist es doppelt so ärgerlich, da zusätzlich noch die Nacht- und Wochenendzuschläge anfallen und es richtig teuer werden kann. Diese Zuschläge sind aber zulässig bis maximal 100 Prozent der Lohnkosten.
Nicht zulässig hingegen sind die Sofort-Zulagen für den 24 Stunden Service. Diesbezüglich gibt es eine Gerichtsentscheidung, die besagt, dass es eben gerade die Leistung sei, mit denen die Dienste werben, Tag und Nacht verfügbar zu sein. Daher können dafür keine extra Zulagen verlangt werden.
Allerdings sollte man sich nachts und an Wochenenden überlegen, ob es nicht ausreicht, die Tür einfach öffnen zu lassen und evtl. beschädigte Schloß nicht auszutauschen. Denn die Materialkosten bei den Schlüsseldiensten sind vergleichsweise hoch. Oft bekommt man Türbeschläge und Schlösser zu einem Bruchteil des Preises im Baumarkt. Wenn man zuhause ist, kann man die Tür bis Montag anderweitig sichern und die große Reparatur dann an Werktagen ausführen lassen. Oder vielleicht hat bis dann ja auch ein Familienmitglied oder ein handwerklich begabter Freund Zeit, sich die Sache mal anzuschauen.

Was sind angemessene Preise?
Pauschal lässt sich ein angemessener Preis nur schwer festlegen, denn der Preis einer Handwerksstunde kann von Ort zu Ort variieren. Doch nennen seriöse Betriebe Preisrahmen oder auch den Stundenlohn in der Regel auch am Telefon. Wichtig ist, vor Ort mit dem Handwerker zu besprechen, welche Reparatur wirklich nötig ist. Kunden sollten sich nicht scheuen, den Vorschlag zu machen, die Tür auf einfache Weise zu öffnen, besonders wenn die Tür nur ins Schloss gefallen ist und nicht abgeschlossen ist. Auch kann man den Handwerker darauf hinweisen, dass man die günstigste Lösung will. Dafür kann man auch immer wieder nachfragen "Was machen Sie denn jetzt, muss das wirklich sein?". So etwas fällt leichter, wenn man nicht alleine ist.

Bekommt man zuviel gezahltes Geld zurück?
Das ist in der Regel schwierig, da die Firmen meist auf Barzahlung bestehen. Da ist das Geld dann erstmal weg. Oft ist auch telefonisch niemand greifbar, der verantwortlich ist. Selbst wenn man einen Anwalt nimmt, kann es schwierig werden. Denn auch der muss erstmal einen Ansprechpartner finden und Schriftverkehr führen, was kostet. Und selbst wenn man schließlich vor Gericht Recht bekommt, wird es oft schwierig das Geld einzutreiben. Daher gilt: lieber vorbeugen.

Abzocker namens "Notdienste"
Generell tritt das Problem der Abzocke bei vielen Notdiensten aus, die aus der Lage der Kunden Profit schlagen wollen. So gibt es auch zum Beispiel bei Rohrbrüchen, Rohrverstopfungen o. ä. immer wieder schwarze Schafe. Auch hier sollte man Anfahrt und Preise genau nachfragen und prüfen.

Das Wichtigste nochmals in Kürze

  • Bei der Auswahl eines Schlüsseldiensts nicht in der Panik den ersten Schlüsseldienst anrufen. Denn gerade unseriöse Anbieter investieren in große Anzeigen und versuchen möglichst einen Firmennamen mit A beginnen zu lassen, damit sie möglichst weit oben im Telefonbuch stehen.
  • Kosten für Anfahrt inklusive eventueller Zuschläge für Wochenende, Feiertage oder Nachtzeit/ Feierabendtarif werden auf jeden Fall berechnet. Daher sollte man sich schon am Telefon nach dem Wohnsitz und Tarif erkundigen.
  • Genaue Schilderung des Problems schon im Telefongespräch: Tür abgeschlossen oder zugefallen, Schlüssel innen? Wenn die Tür nicht verschlossen ist, kann sie in über 80% der Fälle mittels eines Drahtes ohne Zerstörung des Schließzylinders geöffnet werden.
  • Nach dem Endpreis (inklusive Mehrwertsteuer und Nebenkosten) für anfallende Arbeit sofort am Telefon fragen.

 

 

Quelle: www.hr-online.de




» zurück
 
Schriftgröße:
A A A