Golfen: Individualismus im Grünen

Oft wird Golfen als die Kunst bezeichnet, auf viel zu langen Bahnen mit vielfach ungeeigneten Schlägern, einen kleinen Ball in ein winziges Loch zu spielen. Eine Erklärung, die jedoch keinesfalls reicht, um den Trendsport für alle Altersklassen ausreichend zu beschreiben.

Vielmehr ist Golfen eine Art Philosophie. Was dem einen die Natur ist, ist dem anderen die Gesellschaft Gleichgesinnter. Das kleine pockennarbige Objekt namens Ball, ist vielfach nur Mittel zum Zweck, um sich, wenn man einmal damit umgehen kann, auch mit einem guten Handicap brüsten zu können. Einmal vom Golffieber erfasst, kann es einen Menschen verschlingen. Vielfach sprechen sogar eingefleischte Golfer von einer Krankheit, die nach der Inkubationszeit, sprich „Lehrzeit“, zur Unheilbarkeit führen kann. Eines scheint jedoch sicher zu sein. Ein alter Golfer stirbt nicht. Er verliert höchstens den Ball oder sein mühsam erworbenes Handicap. Dies alleine ist schon Grund genug, es zumindest einmal zu versuchen.

Am besten beginnt man damit, sich einen der zahlreichen Golfplätze unseres Landes einmal näher zu betrachten. Aus der Ferne vorerst. Das Golfplatzgelände ist alles, außer Abschlag und die kurzgeschorene meist hellgrünere Rasenfläche mit dem Fähnchen. Erst später werden Sie eingeweiht, dass es sich dabei um das sogenannte Putting-Grün handelt. Wenn sie sich in das gepflegte Stück „Golfheimat“ erst einmal verliebt haben und sich vorstellen können, einen Großteil des Restes Ihres Lebens hier zu verbringen, sollten Sie den nächsten Schritt wagen. Die Annäherung an das Clubhaus und eine der anwesenden Personen. Erwarten Sie noch nicht allzuviel. Golfer sind Nichtgolfern gegenüber sehr reserviert und tragen die Nase meist etwas höher als gewöhnlich, was der Freundlichkeit jedoch nicht unbedingt einen Abbruch tut.

Sagen Sie einfach, ich möchte das Golfen erlernen, so wird die Antwort wahrscheinlich lauten: „das wollen auch alle Golfer“ oder „das wollen alle“! Wenn sie diesen „Witz“ freundlich zur Kenntnis nehmen, wird er Sie an eine kompetente Stelle weiterleiten, oder versuchen selbst die Vorlehrmeisterrolle zu übernehmen.

Grundsätzlich kann jedoch jeder dieses Hobby, und je nach Talent auch den Golf als durchaus einträglichen Sport betreiben. Den erarbeiteten Lebensjahren sind wahrlich keine Grenzen gesetzt. Was der Jugend die Kraft, ist dem Alter die Besonnenheit und vielfach auch die Erfahrung.

Um das erste Mal am Golfplatz ein „Eisen“ (Golfschläger) in die Hand nehmen zu können, bedarf es der Platzreife,  bzw. eines Vorbereitungskurses mit abschließender Platzreifeprüfung. Ein entsprechend ausgebildeter Lehrer findet sich auf jedem Golfplatz. Die Kosten dafür sind unterschiedlich. Wer ein Sonderangebot erhascht, kann den Platzreifekurs durchaus schon um 150 EURO absolvieren, während normalerweise mit Kosten um 300 bis 400 EURO gerechnet werden muß.
Die abgelegte Platzreife ist dann Voraussetzung um aktives Clubmitglied werden zu können. Je nach Club berappt man dann eine Jahresspielgebühr von etwa 1.100 EURO. Danach stehen Ihnen vorerst einmal alle Möglichkeiten Golf zu spielen, offen. Jedoch ohne Handicap-Verwaltung wohlgemerkt. Denn dazu müssen Sie ordentliches Clubmitglied werden. Als solches ersucht man Sie Optionen auf Anteile der jeweiligen KG zu erwerben. Genauere Informationen darüber erteilt jeder Club bereitwillig.

Um jedoch „nur“ Golf zu spielen, bedarf es durchaus keiner dicken Geldbörse oder eines Eintrages im Club der Millionäre.
Entdecken Sie einfach – bevor Sie den Schritt wagen, ordentliches Mitglied eines Golfclubs zu werden – die Liebe zum Golfen und beschäftigen Sie sich einstweilen lieber mit den Accesoires die für die Ausübung erforderlich sind.
Die besten Berater sind die jeweiligen Lehrer, Golfer, Funktionäre, Adabeis, Besserwisser und Clubmitglieder. Kurz und gut alle, die auf der Jagd nach einem besseren Handicap erfolglos sind und die Schuld auf das schlechte oder besser gesagt gerade für diesen Abschlag ungeeignete Material abschieben.

Es müssen ja nicht unbedingt gleich 16 Eisen aller Gewichtsklassen in einer schlafsackgroßen von Armani gestylten Golftasche sein. 30 Bälle, ein Satz Handtücher, Ersatzschuhe, ein Karton Bonbons und ein Flachmann mit Nachfüllflasche müssen ja auch nicht gleich von einem Privatcaddy (ein menschliches Lasttier) am Anfang schon bei den ersten Golfschritten nebenhergeschliffen werden. Vielleicht tuts am Anfang auch etwas geborgtes oder ein paar Secondhand-Schläger, bevor man selbst das für sich erfahrungsgemäß beste erwirbt. Denn aller Anfang ist vorerst einmal schwer und wer mit einem Handicap von 45 Minus beginnt, schafft den Schritt auf die ersten 15 unter dem Plus auch nicht in 3 Tagen. Außerdem, und das soll man sich jederzeit vor Augen halten, stehen die Chancen einmal auf ein Handicap von über Minus 5 zu kommen errechnetermaßen bei 1200:1.

Dafür hat man als Anfänger zumeist die Ehre des ersten Abschlages. Denn der Vorteil als Schlechtester beginnen zu dürfen, wird zumindest ehrenhalber als Ehre bezeichnet, womit wir schon bei der Ehre des Golfens wären. Und das Einhalten bestimmter Regeln, die fast kein Clubmitglied wirklich kennt, ist beim Golfen ganz einfach Ehrensache. Und Ähre wem Ähre gebührt, auch wenn das Gras auf der Suche nach einem verlorenen Ball im Wege steht.

Ist der Golfball auch nicht zu finden, die Golfer sind nicht zu übersehen. Alleine schon wegen der extravaganten Mode. Chick sind pinkfarbene Hosen, lila Socken, ein grünes Hemd, Schirmmützen mit goldener Tresse, gleich der eines Vizeadmirals und leuchtend rote Handschuhe. Karo und Streif sind ebenfalls modern. Nur nichts übliches und schon gar nichts geschmackvoll kombiniertes passt auf den Golfplatz. Die alte Kleiderkiste eines schottischen Großonkels wäre so betrachtet eine Fundgrube für Golfer schlechthin.

Golfer und natürlich auch Golferinnen sind Individualisten. Eine eigene Sorte Mensch, die, wenn sie einmal von der „Zivilisation“ auf ihren Golfplatz entflohen sind, aufleben, abschlagen und einlochen. Von Loch zu Loch wissen sie genau was falsch war und trotzdem wird es nicht besser. Wie im richtigen Leben. Golf ist eine alles abverlangende Anstrengung ohne Anfang und ohne Ende.

Vielleicht haben Sie jetzt Lust bekommen, selbst einmal ein Tee in den Abschlag zu stecken, den Ball draufzusetzen, das Eisen zu schwingen und mit so wenigen Schlägen als möglich einzulochen.
Unzählige Hektar gepflegtester Landschaft warten nur darauf, von Ihnen mit Golfschuhen betreten und bespielt zu werden.

Manfred Tisal



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